Pflege braucht mehr Anerkennung
Pflegefachpersonen leisten unverzichtbare Arbeit für kranke und pflegebedürftige Menschen. Gute Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung, verlässliche Dienstplanung und gesellschaftliche Wertschätzung sind entscheidend, um Beschäftigte zu halten und den Beruf attraktiv zu gestalten.

Hohe Arbeitsbelastung - aber auch hohe Arbeitszufriedenheit
Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger werden dringend in verschiedenen Bereichen wie Krankenhäusern, ambulanten Pflegediensten, Alten- und Pflegeheimen gesucht. Ihre tägliche Arbeit ist beeindruckend: Sie kümmern sich um die Hygiene der Patienten, bereiten Mahlzeiten vor, verabreichen Medikamente, unterstützen bei der Mobilisierung und Motivation, dokumentieren den Pflegeprozess und kommunizieren mit Angehörigen, Ärzten und anderen Therapeuten - und noch vieles mehr.
Der Pflegeberuf ist mit enormen Belastungen verbunden, wie Sylvia Butenschön aus Berlin aus eigener Erfahrung weiß. Als examinierte Altenpflegerin hat sie viele Jahre in verschiedenen Pflegeeinrichtungen gearbeitet, war als Pflegedienst- und Heimleiterin tätig und unterrichtet heute angehende Pflegekräfte.
Der Schichtdienst stellt allein schon eine große Herausforderung dar. Unter dem Druck der Zeit müssen sie immer wieder zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten. Diese Belastungen können viele nicht langfristig aushalten. Es erfordert eine gewisse Begeisterung für diesen Beruf. Gerade junge Menschen sollten sich bewusst sein, worauf sie sich einlassen. Während ihre Freunde abends oder am Wochenende feiern, sind sie oft beim Patienten im Einsatz.
Pflegekräftelücke bleibt eine zentrale Herausforderung
Das Statistische Bundesamt rechnet in seiner Pflegekräftevorausberechnung mit einem deutlich steigenden Bedarf. Für 2049 liegt die erwartete Lücke – je nach Entwicklung des Arbeitskräfteangebots – zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräften. Bereits für 2034 werden in der günstigeren Trend-Variante rund 90.000 fehlende Pflegekräfte ausgewiesen; in der Status-quo-Variante sind es rund 350.000.
Solche Vorausberechnungen sind Szenarien und keine sicheren Vorhersagen. Sie zeigen jedoch, wie wichtig Ausbildung, verlässliche Arbeitsbedingungen, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie die Bindung erfahrener Pflegefachpersonen sind.
Viele verlassen den Pflegeberuf vorzeitig
Pflegekräfte verlassen den Beruf vorzeitig aus Gründen wie hoher Belastung, mangelnder Wertschätzung, niedriger Bezahlung, schlechten Arbeitsbedingungen und fehlenden Karriereperspektiven.
Auch die Familienplanung spielt eine große Rolle.
Um den vorzeitigen Berufsausstieg zu verringern, sind eine bessere Arbeitsplatzkultur, angemessene Bezahlung, Anerkennung, verbesserte Arbeitsbedingungen und Karrieremöglichkeiten von Bedeutung.
Der Fachkräftemangel in der Pflege könnte durch bessere Arbeitsbedingungen und Maßnahmen seitens der Arbeitgeber und politisch Verantwortlichen abgemildert werden.
Eine 2018 im Auftrag von HARTMANN durchgeführte Studie von Psyma Health & CARE berichtete, dass sich 48 % der befragten ehemaligen Pflegekräfte eine Rückkehr grundsätzlich vorstellen konnten. Die daraus abgeleitete Größenordnung von 120.000 bis 200.000 möglichen Rückkehrenden ist wegen der kleinen quantitativen Stichprobe von 50 Personen nur als damalige Potenzialschätzung zu verstehen.
Als wichtige Voraussetzungen nannten die Befragten unter anderem veränderte Strukturen und Arbeitsbedingungen. Aktuelle Untersuchungen zur Wechselbereitschaft unterstreichen ebenfalls die Bedeutung von Arbeitsgestaltung, Personalverfügbarkeit, Anerkennung, Führung und Teamklima.
Forderungen für eine Rückkehr in den Pflegeberuf beinhalten verbesserte Strukturen, Arbeitsbedingungen, mehr Personal, höhere Bezahlung, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Mitbestimmung, weniger Bürokratie und flexible Arbeitszeiten. Ver.di fordert einheitliche und verbindliche Personalvorgaben in der Pflege sowie flächendeckende Tarifverträge in der Altenpflege, um den Beruf attraktiver zu machen und die Rückkehr von ausgebildeten Pflegekräften zu ermöglichen.
Lob, mehr Flexibilität und Supervision
Es muss aber noch mehr passieren. „Den Arbeitgebern kommt hier eine zentrale Schlüsselrolle zu, um den Beruf attraktiver zu machen“, betont Sylvia Butenschön. „Auch Pflegekräfte haben ein Privatleben, in dem es manchmal knirscht – durch Probleme mit Kindern oder dem Partner, Krankheiten oder persönliche Krisen.
Pflegekräfte sollen immer funktionieren, egal was in ihrem eigenen Leben los ist. Mancher wünscht sich einfach, dass neben einer adäquaten Bezahlung mehr Flexibilität möglich ist. Oft würde auch schon ein Lob der Vorgesetzten Mut machen und zeigen, dass der Einsatz gesehen und geschätzt wird.
Viele Arbeitgeber könnten Druck aus den Teams nehmen, indem sie Supervision anbieten. Dadurch könnten Probleme und Belastungen im Team einmal ausgesprochen und möglicherweise Lösungen für Konflikte gefunden werden.“
Gesundheitspflege – gemeinsam aktiv sein und Spaß haben
Einer der großen ambulanten Pflegedienste in Berlin ist Mediavita GmbH. Welche Ansätze werden hier verfolgt, um ein positives Betriebsklima zu fördern? „Wir sprechen bei uns von Gesundheitspflege – ein Begriff, der unsere Ausrichtung sowohl bei der Unterstützung unserer Patienten als auch dem Umgang mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschreibt“, erklärt Andreas Freikowski, Geschäftsführer des Unternehmens.
„Wir möchten, dass es unseren Beschäftigten gut geht und dass sie sich bei uns wohl fühlen. Wer gesund ist, ist zufriedener. Deshalb setzen wir neben flexiblen Arbeitszeitmodellen verstärkt auf Angebote im Bereich Sport und Bewegung. Bei uns gibt es zum Beispiel einen Lauftreff und eine Yoga-Gruppe. Regelmäßig gemeinsam aktiv sein und Spaß haben, das wollen wir auch in Zukunft mit weiteren Initiativen verstärkt fördern. Außerdem ist es bei uns selbstverständlich, sich auch einmal Zeit zu nehmen, wenn Mitarbeiter Sorgen haben und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Selbst bei einem finanziellen Engpass können wir Mitarbeitern im Einzelfall weiterhelfen.“
Der personelle Engpass in der Pflege – so lässt sich unschwer prognostizieren – wird wohl insgesamt dazu führen, dass sich Arbeitgeber mehr Gedanken darüber machen müssen, wie sie ihre Mitarbeiter ans Unternehmen binden und Mittel und Wege finden, ein positives „Wir-Gefühl“ zu erzeugen. Möglichkeiten dazu gibt es genügend.
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