Immer mehr Jugendliche mit psychischen Erkrankungen
Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen waren 2021 der häufigste Grund für stationäre Behandlungen von 10- bis 17-Jährigen. Was diese Statistik aussagt, welche Warnzeichen wichtig sind und wo Jugendliche Hilfe finden.

Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen waren 2021 der häufigste Grund für stationäre Krankenhausbehandlungen von 10- bis 17-Jährigen. Die Statistik erfasst schwere Behandlungsfälle im Krankenhaus und darf nicht mit der Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der gesamten Altersgruppe gleichgesetzt werden.
Die Begriffe „seelische“ und „psychische“ Gesundheit werden im Alltag häufig ähnlich verwendet. Diagnosen stellen Fachleute anhand definierter Kriterien; vorübergehende Belastungen oder Auffälligkeiten sind nicht automatisch eine psychische Erkrankung.
Psychische Erkrankungen im Jugendalter: Statistik
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes entfielen 2021 insgesamt 19 % der stationären Behandlungen von 10- bis 17-Jährigen auf psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen. Bei Mädchen lag der Anteil bei 24 %, bei Jungen bei 13 %. Im Jahr 2011 hatte der Anteil insgesamt 13 % betragen.
Diese Werte beschreiben Anteile an Krankenhausbehandlungen, nicht den Bevölkerungsanteil erkrankter Jugendlicher. Veränderungen können neben der tatsächlichen Krankheitslast auch durch Diagnoseverhalten, Hilfesuche, Versorgungskapazitäten und die Zahl anderer Krankenhausbehandlungen beeinflusst werden.
Psychische Erkrankungen bei Jugendlichen
Psychische Erkrankungen können Denken, Fühlen und Verhalten beeinträchtigen. Bei Jugendlichen kommen unter anderem depressive Störungen, Angststörungen, Essstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung sowie Belastungs- und Anpassungsstörungen vor.
- Depressive Störungen können sich durch anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust oder Reizbarkeit zeigen.
- Angststörungen können mit starker Vermeidung und körperlichen Angstsymptomen einhergehen.
- Essstörungen betreffen nicht nur Mädchen und sind unabhängig vom Körpergewicht behandlungsbedürftig.
- ADHS betrifft Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Aktivitätsregulation; eine Diagnose erfordert eine umfassende Abklärung.
- Belastungs- und Anpassungsstörungen können nach einschneidenden oder anhaltend belastenden Ereignissen auftreten.
Unter den 2021 wegen psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen stationär behandelten 10- bis 17-Jährigen waren depressive Episoden mit gut 21.900 Fällen die häufigste Einzeldiagnose. Knapp 9.300 Fälle entfielen auf alkoholbedingte Erkrankungen und Störungen; bei gut 7.700 Behandlungen standen Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen im Fokus. Die Zahlen lassen keine Aussage darüber zu, wie häufig diese Diagnosen außerhalb des Krankenhauses vorkamen.
Risikofaktoren, Schutzfaktoren und Symptome
Psychische Erkrankungen haben meist nicht eine einzelne Ursache. Biologische Voraussetzungen, belastende Lebensereignisse, familiäre und soziale Bedingungen sowie individuelle Bewältigungsstrategien können zusammenwirken. Armut, Gewalt, Diskriminierung, Mobbing oder anhaltender Leistungsdruck können Risiken erhöhen. Verlässliche Beziehungen, Beteiligung, sichere Lebensbedingungen und früh erreichbare Hilfe können schützen.
Zu den möglichen Belastungen gehören:
- Gewalt, Vernachlässigung oder schwere Konflikte,
- Mobbing und soziale Ausgrenzung,
- chronische körperliche Erkrankungen,
- Armut und unsichere Wohnverhältnisse,
- Diskriminierung, Flucht- oder Verlusterfahrungen.
Soziale Medien können sowohl belasten als auch Unterstützung ermöglichen. Eine einfache Ursache-Wirkungs-Aussage ist deshalb nicht angemessen; entscheidend sind Nutzungsmuster, Inhalte und die individuelle Situation.
Mögliche Warnzeichen sind anhaltende Niedergeschlagenheit oder Angst, starker Rückzug, deutliche Veränderungen von Schlaf oder Essen, Leistungseinbruch, Selbstverletzungen, Substanzkonsum oder Äußerungen von Hoffnungslosigkeit. Einzelne Anzeichen beweisen keine Erkrankung. Entscheidend sind Dauer, Stärke, Leidensdruck und Beeinträchtigung im Alltag.
Folgen psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen
Psychische Erkrankungen können Schule, Ausbildung, Beziehungen und körperliche Gesundheit beeinträchtigen. Ohne passende Unterstützung können Beschwerden fortbestehen oder wiederkehren. Eine frühe Abklärung kann helfen, Risiken zu erkennen und eine geeignete Behandlung einzuleiten.
Auch Familien und Freundeskreise können belastet sein. Unterstützung sollte deshalb die Lebenssituation und – je nach Alter und Bedarf – Bezugspersonen einbeziehen, ohne die Selbstbestimmung der Jugendlichen aus dem Blick zu verlieren.
Schule und Ausbildung können durch Nachteilsausgleiche, verlässliche Ansprechpersonen und eine abgestimmte Rückkehr nach Fehlzeiten unterstützen. Medizinische Details dürfen dabei nur mit Einwilligung und im erforderlichen Umfang weitergegeben werden.
Psychische Erkrankungen bei Jugendlichen behandeln
Erste Anlaufstellen können Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte, Hausarztpraxen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sein. Welche Behandlung geeignet ist, hängt von Diagnose, Schweregrad, Alter und persönlicher Situation ab.
Behandlungen können ambulant, teilstationär oder stationär erfolgen und beispielsweise Psychotherapie, psychosoziale Unterstützung und – bei entsprechender Indikation – Medikamente umfassen. In akuten Krisen mit unmittelbarer Gefahr ist der Notruf 112 richtig; außerhalb der Sprechzeiten hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117 bei der Einordnung. Kinder und Jugendliche können sich außerdem anonym an die Nummer gegen Kummer wenden.
Wartezeiten sind kein Grund, akute Warnzeichen zu ignorieren. Haus- und Kinderarztpraxen können die Dringlichkeit einschätzen und an geeignete Angebote vermitteln. Bei Suizidgedanken sollten Jugendliche nicht allein bleiben; Bezugspersonen dürfen direkt nach solchen Gedanken fragen und professionelle Hilfe organisieren.
Eltern und andere Bezugspersonen können zuhören, Veränderungen ernst nehmen und bei der Terminfindung helfen. Vorwürfe, Druck oder vorschnelle Diagnosen erschweren dagegen häufig das Gespräch.
Eine gute Versorgung berücksichtigt auch Übergänge: etwa von der Schule in die Ausbildung, von einer Klinik zurück in den Alltag oder aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenversorgung. Absprachen zwischen den beteiligten Stellen können Versorgungslücken verringern. Jugendliche sollten altersgerecht beteiligt werden und wissen, wer welche Informationen erhält. Unterstützung ist besonders wirksam, wenn sie erreichbar, verständlich und diskriminierungssensibel gestaltet ist.
Prävention richtet sich nicht nur an einzelne Jugendliche. Schulen, Ausbildungsbetriebe, Vereine und Kommunen können sichere Ansprechwege, Schutzkonzepte und niedrigschwellige Beratung schaffen. Solche verlässlichen Angebote ersetzen keine fachgerechte Behandlung, erleichtern aber frühe Hilfe und Orientierung im Alltag.
Fazit
Die Daten von 2021 und die damaligen COPSY-Erhebungen zeigen eine erhebliche psychische Belastung vieler Kinder und Jugendlicher. Sie beantworten jedoch unterschiedliche Fragen: Krankenhausstatistiken bilden stationäre Behandlungen ab, Befragungsstudien psychische Belastungen oder Auffälligkeiten.
Wichtig sind eine sachliche Einordnung, niedrigschwellige Beratung und eine fachliche Abklärung, wenn Beschwerden anhalten oder den Alltag deutlich beeinträchtigen. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung ist sofortige Hilfe erforderlich.
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