Ärztinnen in der Medizin: Erst unerwünscht, heute unverzichtbar

Ärztinnen in der Medizin: Erst verboten, dann geduldet, heute unverzichtbar, morgen prägend, übermorgen entscheidend. Die Medizin in Deutschland hat sich in den letzten 100 Jahren erheblich verändert. Was einst fast ausschließlich ein Männerberuf war, hat sich zu einem Berufsfeld entwickelt, in dem Frauen eine gewichtige Rolle spielen. Trotz dieses Fortschritts sind Frauen in Leitungspositionen immer noch nicht ausreichend repräsentiert.

Ärztinnen in der Medizin: Erst unerwünscht, heute unverzichtbar

Frauen konnten in Deutschland erst um 1900 regulär Medizin studieren; die Öffnung erfolgte in den damaligen Ländern nicht gleichzeitig. Rahel Hirsch gehörte zu den Pionierinnen: Sie legte 1903 ihr Staatsexamen ab, arbeitete später an der Berliner Charité und erhielt 1913 als erste Medizinerin in Preußen den Professorentitel. Eine Dozentur oder einen Lehrstuhl bekam sie damit jedoch nicht.

In den folgenden Jahrzehnten veränderte sich die Geschlechterverteilung grundlegend. Aus einem lange fast ausschließlich männlich geprägten Beruf wurde ein Berufsfeld, in dem Ärztinnen heute etwas mehr als die Hälfte der Berufstätigen stellen.

Rechtliche Gleichstellung allein beseitigt jedoch nicht alle Unterschiede. Besonders in Spitzenpositionen der universitären Medizin sind Frauen weiterhin deutlich seltener vertreten als auf den darunterliegenden Karrierestufen.

Ärztestatistik: Frauen gleichauf

Nach der Ärztestatistik der Bundesärztekammer waren zum 31. Dezember 2025 insgesamt 446.120 Ärztinnen und Ärzte berufstätig. Davon waren 225.397 Frauen. Das entspricht 50,5 Prozent.

173.900 Berufstätige arbeiteten ambulant und 233.500 stationär. Weitere 12.100 waren bei Behörden oder Körperschaften und 26.600 in anderen Bereichen tätig. Diese Tätigkeitsfelder unterscheiden sich in Arbeitsorganisation, Beschäftigungsform und Karrierewegen.

Der hohe Frauenanteil beginnt bereits vor dem Berufseinstieg. Im Wintersemester 2021/2022 waren rund 63,8 Prozent der Studierenden der Humanmedizin Frauen. Für das Wintersemester 2024/2025 meldet Destatis insgesamt 15.900 Studienanfängerinnen und -anfänger im ersten Fachsemester Humanmedizin. Die Jahrgänge im Studium prägen damit zunehmend auch die Zusammensetzung der Ärzteschaft.

Eine Mehrheit unter Studierenden oder Berufstätigen bedeutet allerdings nicht automatisch eine gleichmäßige Verteilung über Fachgebiete, Tätigkeitssektoren und Karrierestufen. Dafür ist ein genauerer Blick auf die jeweiligen Strukturen nötig.

Ärztinnen in Leitungspositionen unterrepräsentiert

Die Dokumentation „Medical Women on Top – Update 2024“ des Deutschen Ärztinnenbundes untersuchte 36 staatliche Universitätskliniken. Ihr Ergebnis zeigt eine deutliche Stufung: Fast die Hälfte der Oberarztpositionen war mit Frauen besetzt, bei den Klinikdirektionen lag ihr Anteil jedoch wesentlich niedriger.

Warum Ärztinnen eine Leitungsfunktion übernehmen oder nicht, lässt sich nicht mit einer einzigen Ursache erklären. Arbeitszeiten, verlässliche Kinderbetreuung, planbare Weiterbildung, transparente Berufungsverfahren, Zugang zu Netzwerken und die Möglichkeit, Führung zu teilen, können Karrierewege beeinflussen.

Pauschale Aussagen über vermeintlich geringere Karriereambitionen von Frauen sind aus den statistischen Unterschieden nicht ableitbar. Ebenso wenig belegen die Zahlen, dass ein Geschlecht grundsätzlich besser für bestimmte Fachrichtungen oder Führungsaufgaben geeignet wäre.

Gezielte Förderung von Frauen in Leitungsfunktionen

Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen können Entwicklungschancen durch transparente Auswahl- und Beförderungsverfahren verbessern. Klare Anforderungsprofile und nachvollziehbare Entscheidungen helfen allen Bewerberinnen und Bewerbern.

Flexible Arbeitsmodelle, verlässliche Dienstplanung und geteilte Führungsverantwortung können es erleichtern, anspruchsvolle klinische Aufgaben mit unterschiedlichen Lebenssituationen zu verbinden. Teilzeit darf dabei nicht automatisch zum Ende einer Führungslaufbahn werden.

Mentoring und strukturierte Karriereförderung können zusätzlich Orientierung, Kontakte und Rückmeldung vermitteln. Entscheidend ist, dass solche Angebote mit fairen Verfahren und tatsächlichen Entwicklungsmöglichkeiten verbunden sind.

Frauenanteil nach Fachgebieten

Die Ärztestatistik 2025 zeigt weiterhin deutliche Unterschiede zwischen den Gebieten. Die folgenden Werte beziehen sich auf berufstätige Ärztinnen und Ärzte zum 31. Dezember 2025.

Fachgebiete und Gruppen mit hohem Frauenanteil:

  • Frauenheilkunde und Geburtshilfe: 14.968 Ärztinnen, 75,0 Prozent
  • Kinder- und Jugendmedizin: 11.546 Ärztinnen, 65,4 Prozent
  • Haut- und Geschlechtskrankheiten: 4.237 Ärztinnen, 62,1 Prozent
  • Ohne Gebietsbezeichnung: 78.296 Ärztinnen, 58,7 Prozent
  • Allgemeinmedizin: 25.143 Ärztinnen, 54,8 Prozent
  • Psychiatrie und Psychotherapie: 7.435 Ärztinnen, 54,8 Prozent

Fachgebiete mit annähernd ausgeglichenem oder mittlerem Frauenanteil:

  • Neurologie: 5.417 Ärztinnen, 51,4 Prozent
  • Augenheilkunde: 4.311 Ärztinnen, 51,2 Prozent
  • Anästhesiologie: 13.115 Ärztinnen, 45,5 Prozent
  • Innere Medizin: 27.795 Ärztinnen, 42,8 Prozent

Fachgebiete mit niedrigerem Frauenanteil:

  • Hals-Nasen-Ohrenheilkunde: 2.803 Ärztinnen, 41,8 Prozent
  • Radiologie: 3.966 Ärztinnen, 38,2 Prozent
  • Chirurgie: 10.618 Ärztinnen, 25,0 Prozent
  • Urologie: 1.643 Ärztinnen, 24,0 Prozent

Diese Verteilung beschreibt den Stand zu einem Stichtag, erklärt aber nicht automatisch seine Ursachen. Unterschiede können unter anderem mit historisch gewachsenen Karrierewegen, Weiterbildungsbedingungen, Arbeitszeitmodellen und der Zusammensetzung einzelner Altersgruppen zusammenhängen. Aus den Anteilen allein lassen sich keine Aussagen über persönliche Fähigkeiten oder Präferenzen ableiten.

Von einem Männerberuf zu einer Frauendomäne?

Die Entwicklung der vergangenen 120 Jahre ist deutlich: Frauen mussten sich den Zugang zum Medizinstudium und zum Arztberuf erst erkämpfen; heute stellen sie insgesamt die Mehrheit der berufstätigen Ärzteschaft.

Der Begriff „Frauendomäne“ greift dennoch zu kurz. Hinter dem Gesamtwert stehen sehr unterschiedliche Fachgebiete, Beschäftigungsformen und Karrierestufen. Gerade bei Klinikdirektionen und anderen Spitzenpositionen ist die Verteilung noch nicht ausgeglichen.

Die nächste Aufgabe besteht deshalb nicht nur darin, auf steigende Frauenanteile zu verweisen. Gute Weiterbildung, transparente Karrierewege, planbare Arbeitsbedingungen und faire Auswahlverfahren entscheiden mit darüber, ob Ärztinnen und Ärzte ihre Qualifikationen auf allen Ebenen einbringen können.


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