44 Prozent am Schreibtisch – was KI-Dokumentation realistisch leistet
KI soll Arztbriefe und Verlaufsnotizen erleichtern. Doch die bekannte 44-Prozent-Zahl ist älter, und weniger Schreibarbeit bedeutet nicht automatisch kürzere Dienste. Entscheidend ist, was nach Kontrolle und Korrektur übrig bleibt.

Was leistet KI-Dokumentation heute tatsächlich?
KI-Dokumentation kann Schreibarbeit abnehmen: Ein System verarbeitet ein Gespräch und erstellt daraus den Entwurf einer medizinischen Notiz. Dass dies Ärztinnen und Ärzte entlasten kann, ist inzwischen durch Studien belegt. Wie groß der Nutzen ausfällt, hängt jedoch vom System und vom Arbeitsablauf ab. Eine kürzere Bearbeitungszeit einzelner Notizen ist noch kein Beleg für kürzere Dienste oder mehr Zeit am Patientenbett.
Die nüchterne Erwartung lautet deshalb: ein überprüfbarer Entwurf statt einer fertigen, ungeprüft übernehmbaren Dokumentation. Für den Klinikalltag zählt nicht, wie schnell ein Text entsteht, sondern wie viel Arbeit nach Kontrolle, Korrektur und Übertragung ins Krankenhausinformationssystem insgesamt übrig bleibt.
44 Prozent: Ein starker Aufhänger mit älterer Datenbasis
Die häufig zitierte Zahl stammt aus einer HIMSS-Europe-Erhebung vom März 2015, die mit Unterstützung von Nuance Healthcare durchgeführt wurde. Sie bezifferte den ärztlichen Dokumentationsaufwand auf durchschnittlich vier Stunden beziehungsweise 44 Prozent der Arbeitszeit.
„44 Prozent am Schreibtisch“ ist dafür eine zugespitzte Umschreibung. Die Studie untersuchte Dokumentation, nicht jede Tätigkeit am Schreibtisch. Und sie liefert keine aktuelle Messung für alle deutschen Klinikärzte im Jahr 2026. Das Alter der Erhebung und die Unterstützung durch einen Anbieter von Dokumentationslösungen gehören zur Einordnung dazu.
Auch die Aussage, dass 85 Prozent der Stationsärztinnen und -ärzte frustriert seien, beschreibt keine neue repräsentative Erhebung von 2026. Asklepios verweist in einer Mitteilung von Juli 2025 auf eine ältere, im eigenen Auftrag durchgeführte DocCheck-Onlinebefragung mit insgesamt 200 Klinikärzten. Darin hatten 85 Prozent der befragten Stationsärzte Frustration im Zusammenhang mit den Vorgaben angegeben.
Beide Zahlen machen die Belastung anschaulich. Sie sollten aber weder als gemeinsame aktuelle Studie noch als Beweis dafür verwendet werden, wie viel Arbeitszeit KI heute einsparen könnte.
Dokumentation, Arztbrief und Kodierung sind verschiedene Aufgaben
Ein Gespräch mitschreiben, einen Arztbrief vorbereiten und Abrechnungscodes vorschlagen sind nicht dasselbe. Entsprechend sollten Kliniken ein Angebot nicht allein unter dem Sammelbegriff „KI-Dokumentation“ beurteilen.
- Gesprächsbasierte Dokumentation: Sogenannte Ambient Scribes verarbeiten das Gespräch zwischen Behandlungsteam und Patient und erzeugen einen Notizentwurf. Für diese eng umrissene Aufgabe liegen inzwischen klinische Untersuchungen vor.
- Arztbriefe und Zusammenfassungen: Hier sollte geprüft werden, ob das konkrete System die nötigen Befunde zuverlässig einbezieht, deren Herkunft nachvollziehbar macht und fehlende Informationen erkennbar lässt. Ein flüssiger Text allein ist kein Qualitätsnachweis.
- Kodierung und Abrechnung: Entscheidend ist, für welches Regelwerk und welchen Versorgungsbereich Vorschläge erstellt werden. Der Wunsch nach Unterstützung beweist noch nicht, dass ein Produkt korrekt kodiert oder Erlöse zuverlässig verbessert.
Eine Befragung der Stiftung Gesundheit vom 3. bis 15. März 2026 zeigt, wo niedergelassene Ärzte Entlastung erwarten: 45,2 Prozent befürworteten automatisierte Abrechnung und Kodierung, etwa EBM-/GOÄ-Vorschläge oder Plausibilitätsprüfungen. 44,0 Prozent sahen Entlastungspotenzial in KI-gestützter Dokumentation und Spracherkennung.
Die Stiftung bezeichnet die Erhebung als repräsentativ und nennt 957 valide Fragebögen bei einer Rücklaufquote von 7,4 Prozent. Angeschrieben wurden niedergelassene Haus- und Fachärzte, Zahnärzte sowie psychologische Psychotherapeuten. Die Ergebnisse sind deshalb keine repräsentative Befragung von Stationsärzten. Außerdem wurden Erwartungen an Entlastung erfragt, nicht die tatsächliche Leistung eines bestimmten Systems gemessen.
Was die Studien zur Zeitersparnis zeigen
Eine randomisierte Studie, veröffentlicht 2025 in NEJM AI, untersuchte 238 ambulant tätige Ärzte aus 14 Fachgebieten in den USA. Sie verglich zwei Dokumentationssysteme mit der üblichen Arbeitsweise: Bei Nabla sank die Bearbeitungszeit der Notizen gegenüber der Kontrollgruppe um 9,5 Prozent. Bei DAX Copilot ergab sich keine statistisch signifikante Veränderung.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu einem pauschalen Versprechen wie „KI spart zehn Prozent Arbeitszeit“. Gemessen wurde die Zeit für Notizen, nicht die gesamte ärztliche Arbeitszeit. Zudem kamen die Systeme nur bei einem Teil der Termine zum Einsatz. Die Teilnehmenden berichteten gelegentlich klinisch relevante Ungenauigkeiten; die Studienautoren betonen die Notwendigkeit weiterer Aufmerksamkeit und Kontrolle.
Eine weitere Untersuchung in JAMA Network Open betrachtete 100 ambulant tätige Behandelnde vor und nach Einführung eines Systems. Die durchschnittliche Zeit für Notizen pro Termin sank von 6,2 auf 5,3 Minuten. Die Studie war jedoch kein randomisierter Vergleich und fand innerhalb einer einzigen US-Organisation statt. Diese finanzierte die Untersuchung und war zugleich strategischer Investor des Anbieters.
Die Befunde sprechen für einen möglichen Nutzen. Sie begründen aber keine allgemeine Einsparquote für deutsche Stationen, Visiten oder Entlassbriefe. Ambulante Einzelgespräche und stationäre Dokumentation mit mehreren Beteiligten müssen getrennt bewertet werden.
Woran sich ein belastbares Angebot erkennen lässt
Für einen Klinikpiloten ist eine überschaubare Prüfaufgabe hilfreicher als ein großes Digitalisierungsversprechen: etwa Verlaufsnotizen einer Abteilung unter klar definierten Bedingungen. Vor und nach Einführung sollten dieselben Arbeitsschritte betrachtet werden.
- Die gesamte Bearbeitung messen: Aufnahme, Prüfung, Korrektur und Übernahme ins Klinikinformationssystem zählen mit. Die reine Generierungszeit ist nicht der entscheidende Wert.
- Fehler gezielt prüfen: Besondere Aufmerksamkeit verdienen Verneinungen, Medikamentenangaben, Dosierungen, Zeitpunkte und die Zuordnung von Aussagen. Fehlende Informationen dürfen nicht durch plausibel klingende Ergänzungen ersetzt werden.
- Den richtigen Arbeitsablauf testen: Ergebnisse aus einem ruhigen Zweiergespräch sollten nicht ungeprüft auf eine Visite mit mehreren Sprechenden übertragen werden.
- Die Datennutzung klären: Wo werden Audio und Texte verarbeitet? Wer kann zugreifen? Wie werden Aufzeichnungen gelöscht und Patienten informiert? Werden Daten für andere Zwecke oder zum Modelltraining genutzt? Diese Fragen gehören vor den Einsatz in die Prüfung durch die zuständigen Klinikstellen.
- Den Nutzen nach der Erprobung bewerten: Weniger Nacharbeit, weniger Dokumentation nach Dienstende und ein besser handhabbarer Arbeitsablauf sind aussagekräftiger als eine hohe Zahl erzeugter Texte.
Besonders vorsichtig sollten Beschäftigte bei Werbeaussagen sein, die eine Testumgebung mit dem Stationsalltag gleichsetzen, nur die schnellsten Nutzer zeigen oder eine Zeitersparnis beim Schreiben als Einsparung ganzer Stellen ausgeben.
Welche Fragen sich im Bewerbungsgespräch lohnen
Ein modernes System kann ein Pluspunkt bei der Arbeitgeberwahl sein. Die Aussage „Wir nutzen KI“ ist aber weniger aufschlussreich als die Organisation dahinter. Für Assistenz- und Fachärzte sind diese Fragen konkret:
- Welche Dokumentationsaufgaben werden in meiner Abteilung tatsächlich unterstützt?
- Wer kontrolliert die Entwürfe, und ist dafür ausreichend Zeit im Dienst vorgesehen?
- Welche Entlastung wurde im eigenen Klinikalltag gemessen?
- Gibt es Einarbeitung, erreichbare Unterstützung und einen funktionierenden Ablauf bei Ausfällen?
- Wird gewonnene Zeit für Versorgung und Weiterbildung genutzt, oder wird lediglich mehr Leistung eingeplant?
KI-Dokumentation ist dann überzeugend, wenn nach der Kontrolle weniger Arbeit übrig bleibt. Ob das gelingt, lässt sich nicht aus einer alten Belastungszahl oder einem Produktvideo ableiten. Es muss am konkreten Arbeitsplatz überprüft werden.
Den breiteren Überblick über Chancen und Risiken bietet unser Beitrag KI in der Medizin. Wer Stellen vergleicht, findet bei valmedi Angebote für Assistenzärzte und Fachärzte.
Passende Stellenangebote
- Letzte Aktualisierung
- 06.10.2026
- Autor/Autorin
- valmedi Redaktion
- Bildgestaltung
- valmedi Redaktion
Quellen
- HIMSS Europe (2015): Auf den Spuren der Zeitdiebe im Krankenhaus
- Stiftung Gesundheit (März 2026): Nutzen und Potenzial digitaler Anwendungen
- Asklepios (Juli 2025): Rückblick auf die DocCheck-Befragung
- Lukac et al. (2025), NEJM AI: Randomisierte Studie zur KI-Dokumentation
- Stults et al. (2025), JAMA Network Open: Vorher-nachher-Evaluation
Finde die passende Stelle im Gesundheitswesen
Karriere im Gesundheitswesen? Hier findest du passende Stellenangebote! Entdecke unsere Jobbörse und lass dich von spannenden Jobangeboten inspirieren.
Zur Jobsuche